Lectura Dantis in 33 Gesängen

"I am reading Dante, & I say, yes, this makes all writing unnecessary. This surpasses 'writing.'"

 Virginia Woolf

 

Eine Lektüre, die das Schreiben erübrigt, worauf läuft das hinaus? Auf die Durchdringung der dichterischen Vision kraft der Imagination? Schwebt der Autorin vor, dass Dante seine Leserinnen und Leser „wie die Sonne und die anderen Sterne“ mitbewegt? Oder plädiert sie für eine aufnehmende Haltung, die jeden eigenen Anspruch hinter sich lässt, um allein das Staunen zu bejahen, das kein anderes Werk so ungeteilt auf sich zieht?

Virginia Woolf war nicht die Einzige, die sich von Dante Alighieris Commedia, die der 1302 ins Exil verbannte Florentiner erst kurz vor seinem Tod in Ravenna am 14. September 1321 vollendete, hellauf begeistert zeigte. Dantes Revolution der poetischen Sprache hat die Vorstellungswelt von Künstlerinnen und Künstlern über Generationen geprägt, sein in italienischem Volgare verfasstes Versepos ist wahrscheinlich das meistkommentierte Stück Literatur überhaupt. Im 20. Jahrhundert traten Stimmen wie Osip Mandelstam, Ezra Pound, T.S. Eliot, Samuel Beckett, Pier Paolo Pasolini und Seamus Heaney mit Dante in Dialog; Rudolf Borchardt und Stefan George huldigten ihm in exzentrischen Travestien. In James Joyce' Finnegans Wake durfte der „sommo poeta“ als „Denti Alligator“ wieder auferstehen, während die französische Gruppe Tel Quel sich vor allem für seine flottierenden Signifikantenreihen interessierte, jener „DNA der Dichtung“ (Valerio Magrelli) auf der Spur, die von ihrer sprachlichen Verfasstheit nicht abzulösen und doch allenthalben zu gewärtigen ist: als Teilchenbeschleuniger, Erinnerungskatalysator und metrisch denkende Welt-Aneignung.

Aber wie könnte ein „Gespräch über Dante“ heute aussehen? Wäre es auch in Terzinen möglich? Und wer zum Luzifer hat das allseits bewunderte, 100 in sich gerundete Gesänge umfassende Grundbuch der abendländischen Literatur überhaupt gelesen?

In Italien wurde die Interpretationspraxis der "Lectura Dantis", bei der ein ausgewählter Canto der Commedia zwischen Deutung und Rezitation pars pro toto für das Ganze befragt und verlebendigt wird, im Laufe der Jahrhunderte zu einer Kulturtechnik erhoben. Immer wieder springt dabei die Diskrepanz zwischen einem hochspezialisierten Gelehrtendiskurs und dem ungenutzt bleibenden Potential der aktiven poetischen Bezugnahme ins Auge - als wäre Dante nicht schon dem Namen nach ein „Gebender“, sein Weltgedicht prädestiniert zur Plattform des Austauschs und der Ansteckung, der spezifischen Immunantwort und der nachschaffenden Begegnung.

Im Rahmen eines 3-tägigen Festivals und zusammen mit einer 33-köpfigen Gesandtschaft zeitgenössischer Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, wollen wir diese Lücke schließen und den kanonischen Dante-Kosmos in ein poetisches Pluriversum verwandeln. Dabei gehen wir davon aus, dass die zwischensprachliche Übertragung bereits an und für sich eine "Lectura" darstellt, indem sie den Ursprungstext dialogisch öffnet und an einem unvertrauten Ort der Rezeption zur Entfaltung bringt. Dort kann sie sich freilich ebenso wenig zur Ruhe setzen, wie Dantes Odysseus vor den Säulen des Herkules zurückschreckte: Der „folle volo“ geht weiter, neue Lesarten stehen an, neue himmlisch-schöne Stellen und poetische Planeten werden entdeckt.

Wohin das alles noch führen wird, lässt sich schwerlich abschätzen, doch das nun zu begehende Jubeljahr gibt allen Anlass, die Wanderung durch die drei Jenseitsreiche mit so viel Feuereifer, Schwindelfreiheit und Himmelsstürmerei zu betreiben, dass die Fährte des Pilgers geradewegs zuläuft auf unseren poetischen Horizont. Kein Stern soll dabei auf dem anderen bleiben! Freuen wir uns auf ein Fest der Gegenwartslyrik als grenzüberschreitende Dante-Reminiszenz.

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Mit: Sonja vom Brocke, Paul-Henri Campbell, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Ulrike Draesner, Oswald Egger, Durs Grünbein, Christian Filips, Norbert Hummelt, Orsolya Kalász, Esther Kinsky, Annette Kopetzki, Dagmara Kraus, Nora Matocza/Gerhard Falkner, Michael Krüger, Norbert Lange, Christian Lehnert, Sibylle Lewitscharoff, Victoria Lorini, Thomas Poiss, Theresia Prammer, Monika Rinck, Tobias Roth, Ferdinand Schmatz, Lutz Seiler, Gustav Sjöberg, Ulf Stolterfoht, Anja Utler, Mathias Traxler, Farhad Showghi, Yoko Tawada, Versatorium, Josef Winkler und Nora Zapf

Vorrede: Alberto Casadei

Konzept, Moderation: Theresia Prammer

Gastbeiträge: Volker Braun, Bert Papenfuß

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27. – 29. 9. 2021

KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst

Maschinenhaus

Am Sudhaus 3
12053 Berlin

anmeldung.lecturadantis@gmail.com

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