LANDSCHAFT AUS LAUTER LEBEN
Mit Ernest Wichner (Literaturhaus Berlin), Ricarda Messner und Fabian Saul („Flaneur Magazine“)

Datum: 02/11/2013

Uhrzeit: 20:00 h

Ort: Das Attico

© Fabian Saul, “Flaneur Magazine”

Ricarda Messner, 1989 in Berlin geboren, lebt in Charlottenburg. Nach ihrem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation verbrachte sie einige Zeit in New York. 2011 kehrte sie zurück nach Berlin. Diverse Praktika, interdisziplinäre Projekte. 2013 gründete sie das “Flaneur-Magazine”. Die erste Nummer, der Charlottenburger Kantstraße gewidmet, war bereits nach wenigen Monaten vergriffen.

Fabian Saul, 1986 geboren, lebt seit 2006 in Berlin. Er ist Komponist von Filmmusik, Autor, Künstler und Chefredakteur des “Flaneur” Magazins.

Ernest Wichner, 1952 im Banat (Rumänien) geboren, lebt seit 1975 in Deutschland. Er ist Autor von Gedichten und Prosa, Übersetzer, Herausgeber (z.B. der Werke Oskar Pastiors) und Kritiker und leitet seit 2003 das Literaturhaus Berlin. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Im Jahr 2000 publizierte er den Sammelband Der Flaneur und die Memoiren der Augenblicke (“die horen”, zusammen mit Herbert Wiesner).

Die literarische Figur des Flaneurs, von Walter Benjamin anhand der Werke Charles Baudelaires sowie vor dem Hintergrund der aufkommenden Massengesellschaft und ihrer Architekturen des Konsums konturiert, hat seit ihrem ersten Auftauchen in Edgar Allen Poes Erzählung „The Man of The Crowd“ zahlreiche Renaissancen erlebt. War die flanerie für viele aufgrund veränderter ästhetischer und ökonomischer Bedingungen bereits im 20. Jahrhundert ein Anachronismus, hat die Zwischenkriegszeit doch einige der faszinierendsten Poetiken des Stadtraums hervorgebracht: Walter Benjamin durchstreift Paris als Sehnsuchtsort oder erinnert seine Berliner Kindheit, Franz Hessel betreibt in der Hauptstadt „Heimatkunde“, Siegfried Kracauer kartographiert Straßen in Berlin und anderswo, Peter Altenberg macht das Wiener Kaffeehaus zum Schauplatz der Flaneur-Erfahrung, Joseph Roth gewinnt aus Alltagsszenen und -zeugnissen feuilletonistische Miniaturen von emblematischer Kraft. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb der Flaneur, dem von Peter Handke Mitte der Siebziger Jahre verkündeten Ende des Flanierens zum Trotz, ein fester Bestandteil des immer rasanter sich wandelnden Stadtbilds. 

Die Flaneure unserer Tage, bewandert in Architekturtheorie und Stadtplanung, Informatik und Mode, literarischer Reportage und orts-gebundener Autobiographie, sind zwar keine ostentativen Müßiggänger mehr, doch nach wie vor haben sie sich, in ihrer Eigenschaft als Dichter, Chronisten, Philosophen, Nachtschwärmer, Diagnostiker urbaner Seelenzustände oder Phänomenologen des Fragments, von ihren Vorgängerinnen und Vorgängern vielleicht nicht so weit entfernt wie gesellschaftlich-technische Umwälzungen dies nahelegen. Immer noch taugt die Lektüre der Straße als Denkform und Haltung, Ästhetik und Lebensmodell, immer noch erliegen Flaneure dem Magnetismus der Menge, immer noch vertrauen sie im Dickicht des Städtischen auf die Verläßlichkeit literarischer Navigationssysteme. So ausgestattet, gelingt es ihnen Mal für Mal, den Augen-blick in seinen simultanen Ausdehnungen und Aufladungen, als von Menschen gestalteten Zeitraum zu begreifen. Hat die Sprache also recht, wenn sie die „Vergangenheit“ als jenen Ort beschwört, über den die Zeit zwar hinweggegangen ist, doch nicht ohne das, was wir durchlaufen haben, wie auf einer Festplatte zu speichern? Und hat man es bei den Wiedergängerinnen der Baudelairschen „passante“ mit nostalgischen Hommagen oder Reminiszenzen zu tun oder nicht vielmehr mit neuen, medial unterschiedlich artikulierten Formen der Stadterkundung, die das Flaneurkonzept um grundlegende Erkenntnisdimensionen erweitern? Ist zweckenthobenes, frei flottierendes Flanieren in der Umklammerung virtueller Wirklichkeiten und globaler Reiserouten überhaupt noch möglich? Ja fast scheint es, als müßte dem Flanierenden des 21. Jahrhunderts nicht mehr die Stadt, wie Benjamin mutmaßte, zur Wohnung werden, sondern die Welt zum Wohnzimmer. Um ihn schließlich doch, über jedes noch so verwegene Fremdgehen, zur Erörterung innerer Geographien zurückzuführen. 

„Innen enden die Wege“, sagt Elke Erb. Aber innen beginnen sie vielleicht auch, wie Robert Walsers erst so erbaulicher, schließlich existentiell auswegloser Spaziergang beweist, oder die revoltierenden Gedankengänge Thomas Bernhards, dessen Geistesmenschen immer schon darauf aus sind, „Gehen und Denken zu einem einzigen, totalen Vorgang“ zu verschmelzen.